Die große Knatter
Bei Rheinsberg darf man mit Gelände-Buggys durch den Naturpark fahren
Von Claus-Dieter Steyer 2002 © Verlag Der Tagesspiegel GmbH
Nach den ersten hundert Metern kommen die Selbstzweifel. Sollte die letzte
Fahrt auf dem Motorrad wirklich schon so lange her sein? Der Lenker jedenfalls
gehorcht nicht richtig, vernünftig in die Kurve legen, geht nicht, und
mit dem Gasgeben ist das auch so eine Sache. Da wird nicht am Griff gedreht,
sondern mit dem rechten Daumen ein Hebel hin und hergeschoben.
„Vergessen Sie Ihre Erfahrungen mit Zweirädern“, sagt Martin
Blavius, der die „All Terrain Vehicles, kurz ATV, verleiht. So ein Gefährt
verlange einen eigenen Fahrstil. „Ganz ruhig, keine hektischen Bewegungen.
Und nie die Schönheit der Landschaft aus dem Blick verlieren“, sagt
er noch. Und nach ein paar Proberunden gehorcht das wie ein überdimensionierter
Sitz-Rasenmäher anmutende Monster schließlich doch. Die Schnuppertour
rund um Rheinsberg kann beginnen.
Die Vorstellung allerdings, in einem Pulk knatternder Geländefahrzeuge
Feld und Flur zu erkunden, ist gewöhnungsbedürftig. Obendrein führt
die Strecke durch den Naturpark Stechlin. Der junge Touristik-Unternehmer
beschwichtigt. „Wir fahren maximal Tempo 25, schonen die Wege durch äußerst
schwach aufgepumpte Reifen, und der Abgasausstoß ist minimal.“ Er
habe außerdem alle Routen mit der Naturparkverwaltung abgesprochen. Einwände
habe es nicht gegeben.
Vor allem Menschen über 50 Jahre steuern die Geländefahrzeuge offenbar
ganz gern. Der Spaß in der Gruppe ist garantiert und keiner muss bangen,
dass ihm die anderen davonfahren. Der Langsamste bestimmt die Geschwindigkeit.
Wer sich nicht traut zu steuern, kann auch als Sozius mitfahren.
Schnell zeigt sich, dass auf den vom Chef ausgesuchten Pisten Radfahrer und
Wanderer keine große Freude hätten. Schlaglöcher, Wurzeln auf
dem Weg oder steile Anstiege stellen dagegen für den Buggy kein Problem
dar. Dank des Vier-Rad-Antriebes kommt er praktisch überall durch. Spätestens
im unwegsamen Gelände zeigt sich der ursprüngliche Zweck dieser
merkwürdigen Vehikel. In Japan sollen sie den Bewohnern von Bergregionen
helfen, wenn die Regenzeit Wege und Straßen fast unpassierbar macht.
In den USA nutzen Farmer das robuste Gefährt vor allem in sumpfigem Gelände
In Europa werden die Buggys meist bei Spaß-Rallyes verliehen, während
der Betrieb in der Umgebung von Rheinsberg ausschließlich touristische
Ausflüge anbietet. Deshalb besitzen alle „All Terrain Vehicles“
von Martin Blavius auch eine Zulassung für den Straßenverkehr. Einer
Fahrt durch das reizvolle Rheinsberg steht also nichts im Wege. Nur wenn der
Tross vor dem Schloss vorbei rollt und zum Stehen kommt, mehren sich die skeptischen
oder gar ablehnenden Stimmen. Von „Umweltfrevel“ und „Knatterbüchsen“
ist da die Rede. Erst durchs erklärende Gespräch beruhigen sich
die Gemüter. Und manch einer winkt der merkwürdigen Kolonne dann
sogar lächelnd hinterher.